Ende Oktober durfte ich als Gastdozent an der Estonian Business School (EBS) in Tallinn unterrichten. Mein Thema war Extreme Rapid Prototyping, kurz XRP: die Methode, mit der ein Team an einem Tag von einer Produktidee zu einem klickbaren Prototyp kommt, mit KI als Sparringspartner. Die Aufzeichnung gibt es jetzt auf YouTube, sie ist weiter unten eingebettet.

FĂŒr mich ist das ein schöner Moment. XRP ist in Workshops entstanden, wurde an der REConf in MĂŒnchen erprobt, steht in einem Buch und ist heute der Praxistag unserer AI4RE-Schulung. Jetzt geht die Methode auf Reisen.

Erste Station: Gastvorlesung an der EBS in Tallinn

Martin Ejeagwu unterrichtet an der Estonian Business School (EBS) den Kurs „AI-Assisted Requirements Engineering“ im MBA-Programm Digital Product Management. Sein Kurs fĂŒhrt die Studierenden in fĂŒnf Stufen durch das Requirements Engineering: Fundamentals, Elicitation, Documentation, Validation und zum Schluss Prototyping. FĂŒr diese letzte Stufe hat er mich eingeladen.

Das passte besser, als ich anfangs dachte. Die fĂŒnf Phasen von XRP liegen fast deckungsgleich auf Martins Kursstufen. Ich habe die Vorlesung deshalb als BrĂŒcke gebaut: Auf jeder Phasenfolie sahen die Studierenden, wo ihnen das Artefakt in Martins Kurs schon begegnet war und ob XRP es gleich verwendet, erweitert oder neu dazunimmt. Neu waren fĂŒr sie vor allem zwei Dinge: die Impact Map als Technik zur Priorisierung und der Master Prompt, der alle Artefakte in eine Bauanleitung fĂŒr das Prototyping-Werkzeug ĂŒbersetzt.

Die Methode ist gereist, ich bin in Zug geblieben. Die Vorlesung lief online und dauerte rund 45 Minuten.

Danke, Martin, fĂŒr die Einladung und dafĂŒr, dass ich Ausschnitte deiner Folien zeigen durfte.

Das Video zur Gastvorlesung

Video auf YouTube öffnen, dort mit Kapitelmarken und englischen Untertiteln.

Die Aufzeichnung ist auf Englisch und dauert gut 47 Minuten. Über die Kapitel in der Videobeschreibung geht es direkt zu jeder Phase, zur Live-Demo ab 37:52 und zum Fehler, den erst der Prototyp gezeigt hat, ab 41:38.

Was XRP ist: fĂŒnf Phasen an einem Tag

XRP fĂŒhrt eine Produktidee in fĂŒnf Phasen und fĂŒnfzehn Schritten bis zum klickbaren Prototyp. In jedem Schritt entwirft die KI das Artefakt, und das Team entscheidet, was davon bleibt.

  1. FramingAus der rohen Idee werden ein Elevator Pitch und ein Product Vision Board.
  2. ElicitationStakeholder Map, Impact Map und die Wahl des wichtigsten Features samt Persona.
  3. DocumentationUser Flow, User Stories mit Gherkin Acceptance Criteria und ein BPMN-Diagramm.
  4. ValidationEin frischer KI-Chat prĂŒft als Kritiker alle Artefakte gegen unsere Checkliste mit acht der zwölf Risiken aus dem IREB AI4RE Study Guide. Danach folgen ein Peer Review ohne KI und die Überarbeitung.
  5. BuildWerkzeug wĂ€hlen, Master Prompt schreiben, Prototyp bauen und vorfĂŒhren.

Der Gedanke dahinter ist einfach. Ein Prompt allein lĂ€sst die KI raten. Vision, Persona, User Stories und User Flow sagen ihr, fĂŒr wen das Produkt ist, was zĂ€hlt und was nicht dazugehört. Der Master Prompt verdichtet diese Artefakte zu einer einzigen Bauanleitung.

Gebaut wird im Workshop mit kostenlosen Werkzeugen, damit niemand ein Abo abschliessen muss. Aktuell sind das Banani fĂŒr Mockups und Google AI Studio fĂŒr eine App, die bereits funktioniert. Die Werkzeuge wechseln allerdings stĂ€ndig: In der Vorlesung habe ich fĂŒr Mockups noch Uizard genannt, seit Anfang November arbeiten wir mit Banani. An den Schritten der Methode Ă€ndert das nichts. Diagramme lĂ€sst die KI als XML schreiben, das sich in draw.io weiterbearbeiten lĂ€sst. Mit einem Bildgenerator liesse sich das Diagramm nicht mehr bearbeiten.

Woher XRP kommt: aus der Praxis

Ich arbeite seit ĂŒber 20 Jahren in der IT, lange davon in der Finanzindustrie, als Entwickler, Technical Lead, Product Owner und Abteilungsleiter. Fast immer stand ich zwischen Business und IT. Mitgenommen habe ich aus jeder Rolle die Neugier fĂŒr das Problem: Wo drĂŒckt es bei den Nutzerinnen und Nutzern?

Als Ende 2022 ChatGPT öffentlich wurde, habe ich mich sofort gefragt, was das fĂŒr Requirements Engineering bedeutet. Daraus wurden VortrĂ€ge ĂŒber AnwendungsfĂ€lle, 2024 unter anderem an der REFSQ und an der REConf, und schliesslich ein Workshop-Format: von der rohen Idee ĂŒber die Artefakte des Requirements Engineering bis zu einem Prototyp, den man vorfĂŒhren kann. Matthias Herbert und ich haben es mit Entwicklerinnen und Entwicklern durchgespielt, mit Business Analysts und Requirements Engineers, aber auch mit Leuten ohne technischen Hintergrund.

XRP ist damit Àlter als unsere AI4RE-Schulung. Der Praxistag im AI4RE ist die Anwendung von XRP im Kurs.

Ausverkauft an der REConf, festgehalten im Buch

BewĂ€hrt hat sich die Methode zuerst an der REConf in MĂŒnchen. 2025 haben Matthias und ich dort den Workshop „From Vision to Prototype in < 4 hours“ angeboten, Ende Januar war er ausverkauft. 2026 kam Jean-Pierre Berchez dazu, und wieder war der Workshop lange vor der Konferenz ausgebucht. Am Ende sassen 19 Leute im Raum.

Aufgeschrieben habe ich XRP im Schweizer Praxisbuch „KI im Projektmanagement“ der spm. Mein Kapitel heisst „Von der Idee zum Prototyp mit KI - Innovation in Stunden statt in Wochen“. Es beschreibt die Fassung fĂŒr Konferenz-Workshops: vier Schritte in vier Stunden. Das Buch gibt es direkt bei der spm.

Wer das Kapitel kennt, findet im Video eine Phase mehr. Die Validierung hat heute ihren eigenen Platz vor dem Bauen.

Heute: der Praxistag im AI4RE

Aus dem Vier-Stunden-Workshop ist ein ganzer Tag geworden. Heute ist XRP der Praxistag unserer AI4RE-Schulung zur Micro-Credential des IREB. Matthias und ich haben den offiziellen IREB AI4RE Study Guide mitgeschrieben, und der Praxistag setzt um, was der Theorietag vermittelt. Mit rund sieben Stunden Zeit habe ich die Phasen neu geordnet, und aus vier Schritten sind fĂŒnfzehn geworden.

Am liebsten bringen die Teilnehmenden ihre eigene Idee mit, ein Produkt oder ein Problem aus ihrem Alltag. FĂŒr alle anderen liegen Fallstudien bereit. Eine davon ist FoodLoop.

Der Fehler, den erst der Prototyp gezeigt hat

FoodLoop ist eine App gegen Food Waste. BĂ€ckereien und LĂ€den stellen am Abend ein, was ĂŒbrig bleibt, Leute aus der Nachbarschaft reservieren eine TĂŒte und holen sie mit einem Abholcode ab. Die Persona ist Marco, 46, BĂ€cker in ZĂŒrich-Wiedikon.

Parallel zu den vielen DurchlĂ€ufen im Kurs habe ich die Fallstudie auch einmal von einem KI-Agenten durchspielen lassen. Er hat auf unserem Workshop-Board das Team ĂŒbernommen, ohne Peer Review. Aus diesem Testlauf stammt das Beispiel.

Aus dem Master Prompt hat Google AI Studio in wenigen Minuten eine App gebaut, die funktioniert. Beim Durchklicken fiel etwas auf: Marco sah in seiner Liste die Abholcodes aller Reservationen. Wer neben ihm an der Theke steht, könnte einen Code ablesen und eine fremde TĂŒte abholen.

Die KI hatte genau gebaut, was wir spezifiziert hatten. Der Fehler stand in unserem eigenen User Flow und damit im Master Prompt. Die PrĂŒfung durch die KI in Phase 4 hatte sechs Schwachstellen in den User Stories gefunden, diese nicht. Gezeigt hat ihn erst der Prototyp.

FĂŒr die zweite Fassung habe ich FoodLoop als Claude-Artefakt gebaut, mit drei Korrekturen. Neben der App stehen dort alle User Stories mit ihren Acceptance Criteria, und jedes Kriterium hakt sich ab, sobald es im Prototyp durchgespielt ist.

Drei Dinge zum Mitnehmen

  1. Die Artefakte geben der KI den Kontext. Die Modelle sind heute stark genug. Den Unterschied macht, was die KI ĂŒber das Produkt weiss.
  2. Die KI entwirft, das Team entscheidet. Jedes KI-Artefakt ist ein Entwurf, bis es jemand geprĂŒft hat. Die Verantwortung bleibt beim Team, egal wie ein Artefakt entstanden ist.
  3. Ein Prototyp lÀsst sich testen und erleben. Aus den Gherkin Acceptance Criteria werden TestfÀlle. Und Stakeholder klicken sich durch ihren eigenen Prozess, statt eine Spezifikation zu lesen. Ihr Feedback wird dadurch konkret.

Und als NĂ€chstes: REFSQ 2027 in Basel

Im April 2027 kommt die REFSQ, die internationale Konferenz fĂŒr Requirements Engineering, in die Schweiz, an den FHNW Campus Dreispitz in Basel. Dort wird es von uns einen speziellen Workshop geben. Mehr verrate ich noch nicht.

HĂ€ufige Fragen

Was ist Extreme Rapid Prototyping (XRP)?

Eine Methode, mit der ein Team mit KI als Sparringspartner an einem Tag von einer Produktidee zu einem klickbaren Prototyp kommt. Sie fĂŒhrt in fĂŒnf Phasen ĂŒber die Artefakte des Requirements Engineering, vom Elevator Pitch und Product Vision Board bis zum Master Prompt.

Wie lange dauert XRP?

Im Praxistag des AI4RE einen Tag mit rund sieben Stunden Arbeitszeit. Die Fassung fĂŒr Konferenz-Workshops, die auch im Buch steht, kam mit vier Stunden aus. Wer die Methode allein durchspielt, kann sich auch zwei oder drei Tage Zeit nehmen.

Braucht es dafĂŒr Programmierkenntnisse?

Nein. Den Code schreibt das Prototyping-Werkzeug. Durchgespielt haben wir XRP mit Entwicklerinnen und Entwicklern genauso wie mit Business Analysts und mit Leuten ohne technischen Hintergrund.

Welche Werkzeuge braucht es?

Einen KI-Chat fĂŒr die Artefakte und fĂŒr die PrĂŒfung in Phase 4 einen zweiten, frischen Chat. FĂŒr den Bau reichen kostenlose Werkzeuge, derzeit Banani fĂŒr Mockups und Google AI Studio fĂŒr eine funktionierende App. Welche Werkzeuge gerade am besten passen, Ă€ndert sich laufend.

DĂŒrfen vertrauliche Daten in die KI?

Bei kostenlosen Angeboten nicht. Dort können die Daten ins Training der Modelle fliessen. FĂŒr eine Demo mit einer Fallstudie ist das kein Problem.

Wo lÀsst sich XRP lernen?

Im Praxistag unserer AI4RE-Schulung, am liebsten mit der eigenen Idee. Hier stehen die Termine.

KI hat strukturiert. Gedacht und freigegeben habe ich.

Michael (Mr. Miroboard) Mey

Michael ist ein Trainer, der nicht nur durch sein Wissen, sondern auch durch seine Leidenschaft besticht.

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